Schweinegrippe
Als Schweinegrippe wird umgangssprachlich die Grippe-Pandemie bezeichnet, die in den Jahren 2009/2010 durch das damals neu aufgetretene Influenza-A(H1N1)pdm09-Virus ausgelöst wurde.
Wissenschaftliche Beratung:
Prof. Dr. med. Hortense Slevogt, Medizinische Hochschule Hannover, BREATH/DZL
Grundlagen: Was ist die Schweinegrippe?
Das Influenza-Virus A/H1N1 ist ein menschliches Grippe-Virus. Es handelt sich um ein sogenanntes Reassortant. Das bedeutet, um eine genetische Neukombination aus menschlichen, Schweine- und Vogel-Influenzaviren.
Die Bezeichnung H1N1 bezeichnet das Virus genauer. Auf der Virusoberfläche gibt es zwei Moleküle, an denen das Immunsystem das Virus erkennt:
- die Neuraminidase (N) und
- das Hämagglutinin (H).
Von diesen Molekülen gibt es jeweils mehrere Unterarten, die durch die Nummerierung näher bezeichnet werden.
Schweine als „Mischgefäße“ für Viren
Grundsätzlich kursieren unter Schweinen ähnliche Influenza-Virustypen wie unter Menschen. Schweine können sich gleichzeitig mit Influenza-Viren von Schweinen, Menschen und Vögeln anstecken. So können genetische Mischformen entstehen, die auch die Möglichkeit haben, auf den Menschen überzuspringen.
Im Jahr 2009 wurde beim Menschen erstmals ein Influenza-Virus vom Typ A(H1N1)pdm09 nachgewiesen. Dies ist ein menschliches Influenza-Virus, welches zusätzlich zwei Gene enthält, die von Schweine-Influenza-Viren bekannt sind und ursprünglich von Vögeln stammen. Die Pandemie, die durch dieses Virus ausgelöst wurde, erhielt daher umgangssprachlich den Namen „Schweinegrippe“.
Anders als die üblichen saisonalen Grippewellen, die eher in der kalten Jahreszeit stattfinden, begann die Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 im Frühjahr/Sommer 2009, setzte sich aber in der Wintersaison fort.
Vom Pandemie-Auslöser zum saisonalen Grippe-Virus
Im August 2010 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe-Pandemie für beendet. Seither kursiert das Virus A(H1/N1) als einer der Auslöser der saisonalen Grippe. Im Grippe-Impfstoff gegen die saisonale Grippe ist das Virus enthalten.
Schweinegrippe: Symptome und Verlauf
Die Symptome der Schweinegrippe zeigen sich meist innerhalb von wenigen Tagen nach der Ansteckung. Die Symptomatik unterscheidet sich klinisch nicht verlässlich von der saisonalen Influenza. Wie bei der saisonalen Grippe treten typischerweise
- plötzlich einsetzendes hohes Fieber,
- Muskelschmerzen,
- Kopf- und Gliederschmerzen,
- Abgeschlagenheit,
- Husten,
- Halsschmerzen und
- Schnupfen auf.
Auch Erbrechen und Durchfall können als Schweinegrippe-Symptome auftreten.
Schwere Verläufe nur bei Risikopersonen
Meist sind die Beschwerden eher mild und klingen innerhalb von wenigen Tagen ab. Bei immungeschwächten oder chronisch kranken Personen kann es zu schweren Verläufen, auch mit Todesfolge, kommen. Generell besteht bei Influenza-Infektionen bei geschwächten Personen die Möglichkeit, dass bakterielle Infektionen hinzukommen – zum Beispiel eine Lungenentzündung.
Erkrankte sind ab dem Auftreten von Symptomen für rund sieben Tage ansteckend. Infizierte Kinder können bis zu 15 Tage lang Viren ausscheiden und damit für andere Personen ansteckend sein.
Video: Was passiert im Körper bei einer Lungenentzündung?
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Transkript: Was passiert im Körper bei einer Lungenentzündung
Mit der Atemluft gelangen neben dem lebensnotwendigen Sauerstoff auch Krankheitserreger in die Atemwege. Meist kann der Körper sie durch seine Selbstreinigungsmechanismen entfernen oder durch das Immunsystem unschädlich machen.
Gelingt das nicht, können sich die Krankheitserreger in den Atemwegen ausbreiten. Die betroffenen Abschnitte entzünden sich. Breiten sich die Krankheitserreger bis in die tiefen Atemwege aus, kann eine Lungenentzündung auftreten.
Die häufigste Ursache einer Lungenentzündung sind bestimmte Bakterien, die Pneumokoken, aber auch andere Bakterienarten. Viren, Pilze, eingeatmete Fremdkörper oder chemische Reize sind mögliche Ursachen einer Lungenentzündung.
Es können sich verschiedene Bereiche der Lunge entzünden, etwa die Lungenbläschen, die Bronchien oder auch das Lungenzwischengewebe.
Ist ein Lungenlappen komplett entzündet, sprechen Fachleute von einer Lobärpneumonie.
In schweren Fällen kann eine Lungenentzündung zu einem akuten Lungenversagen führen. Dabei sammelt sich Flüssigkeit in der Lunge an. Die Atmung ist erschwert und der Körper erhält nicht genügend Sauerstoff. Ein akutes Lungenversagen ist lebensbedrohlich und muss schnellstmöglich behandelt werden.
Bis zum Lungenversagen muss es aber nicht kommen. In der Regel lässt sich eine Lungenentzündung gut behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt wird.
Gegen eine bakterielle Lungenentzündung helfen Antibiotika. Sind Viren oder Pilze die Krankheitsursache, gibt es auch dagegen spezielle Medikamente.
Besser als behandeln ist aber Vorbeugen. Gegen die wichtigsten Erreger der Lungenentzündung, die Pneumokoken, gibt es eine Schutzimpfung.
Eindeutige Diagnose im Labortest
Anhand der Symptome ist Schweinegrippe kaum von anderen viralen Atemwegserkrankungen zu unterscheiden. Um den Grippe-Erreger eindeutig zu bestimmen, kann ein PCR-Test im Labor durchgeführt werden. Dabei wird das genetische Material des auslösenden Virus im Labor vervielfältigt und analysiert.
Diese Virus-Bestimmung spielt jedoch für die Behandlung von einzelnen Erkrankten keine Rolle. Allerdings kann sie hilfreich sein, um Erkenntnisse über die Ausbreitung eines Virus-Typs in der Bevölkerung zu gewinnen.
Verbreitung der Schweinegrippe
Forschende schätzen, dass knapp ein Viertel der Weltbevölkerung während der Schweinegrippe-Pandemie in den Jahren 2009/2010 mit dem Virus in Berührung kam. Sie gehen von 150.000 bis 575.500 Todesfällen aus. Diese beruhen zum großen Teil auf Atemwegs- oder Herzerkrankungen, die bei geschwächten Personen durch die Virus-Infektion ausgelöst wurden.
Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 verlief vergleichsweise glimpflich
Zum Vergleich: Die Spanische Grippe, die verheerende Influenza-Pandemie der Jahre 1918/1919, hat rund 200-mal mehr Todesopfer gefordert. Schätzungen variieren hier weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Todesfällen.
Die Schweinegrippe-Pandemie konnte zügig eingedämmt werden durch
- Quarantäne von Infizierten und Verdachtsfällen,
- eine frühe Impfstoffverfügbarkeit durch die rasche Anpassung des Grippe-Impfstoffes und
- allgemeine Hygienemaßnahmen.
Saisonale Grippe ist häufig Schweinegrippe
Das Virus A(H1N1)pdm09 gehört heute zu den zirkulierenden saisonalen Influenza-A-Viren der saisonalen Grippe in der Bevölkerung. Er ist immer noch für schwere Verläufe bei Risikopersonen verantwortlich.
Derzeit geht jedoch kein Pandemie-Risiko von ihm aus. Die Entstehung neuer Virus-Varianten, besonders durch die Mischung von Schweine- und Menschen-Influenza-Viren, wird von den Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt streng überwacht.
Der Grippe-Impfstoff, der jedes Jahr entsprechend der im Vorjahr zirkulierenden Virus-Stämme angepasst wird, richtet sich standardmäßig auch gegen A(H1N1).
Risikofaktoren
Wie bei allen Influenza-Infektionen besteht auch bei der Schweinegrippe für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem ein erhöhtes Risiko, einen schweren Krankheitsverlauf zu entwickeln.
Zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen gehören im Allgemeinen:
- alle Personen ab 60 Jahren
- Personen jeden Alters mit
- einer chronischen Erkrankung der Atmungsorgane,
- Herz- oder Kreislaufkrankheiten,
- Leber- oder Nierenkrankheiten,
- Diabetes mellitus oder anderen Stoffwechselkrankheiten,
- chronischen neurologischen Grundkrankheiten, zum Beispiel Multiple Sklerose, oder
- einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche oder HIV-Infektion.
Schweinegrippe betraf vor allem Kinder
Anders als bei anderen Grippe-Viren waren während der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 ältere Menschen eher seltener betroffen. Sie sind mit größerer Wahrscheinlichkeit bereits früher in ihrem Leben mit einem ähnlichen Virusstamm in Kontakt gekommen und konnten so bereits eine Immunität entwickeln.
Kinder hingegen besaßen kaum Immunität gegen das Virus A(H1/N1)pdm09. Am häufigsten infizierten sich daher Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 Jahren. Bei Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen wie Asthma, Herzerkrankungen oder neurologischen Störungen kam es vermehrt zu schweren Krankheitsverläufen.
Therapie
Wie bei der saisonalen Grippe steht bei der Behandlung der Schweinegrippe die Linderung der Grippe-Symptome im Vordergrund. Dabei können verschiedene Allgemeinmaßnahmen helfen:
- Körperliche Schonung
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Fiebersenkende Medikamente (zum Beispiel Ibuprofen, Paracetamol)
Bei Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf gibt es antivirale Medikamente (beispielsweise Neuraminidase-Hemmer). Diese sind jedoch nur wirksam, wenn sie innerhalb der ersten 48 Stunden nach Einsetzen der Symptome gegeben werden.
Jährliche Grippeimpfung schützt auch vor dem Schweinegrippe-Virus
Das Schweinegrippe-Virus ist (in inaktivierter Form) wie andere in den Vorjahren zirkulierende Viren Bestandteil des Impfstoffes gegen die saisonale Grippe (Influenza). Eine separate Impfung gegen die Schweinegrippe ist daher nicht notwendig.
Forschungsansätze zur Schweinegrippe
Influenza-Viren wie das Schweinegrippe-Virus A/H1N1 sind Gegenstand intensiver Forschung. Weltweit setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür ein, neue Ansätze für antivirale Medikamente zu entwickeln, und die Impfstoffe zu verbessern.
Zoonosen verstehen und verhindern
Krankheiten, die zwischen Menschen und Tieren übertragbar sind, werden Zoonosen genannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen übergehen, ist gestiegen. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
- Menschen dringen zunehmend tiefer in den Lebensraum von Tieren ein.
- Krankheitserreger finden aufgrund des Klimawandels neue Lebensbedingungen vor.
- Die Globalisierung trägt dazu bei, dass sich Viren und andere Erreger schneller weltweit ausbreiten können.
Forschende des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung (HZI) arbeiten daran, Mechanismen zu verstehen, wie Krankheitserreger von Tieren auf Menschen überspringen können. Daraus lassen sich Maßnahmen zum Schutz vor Zoonosen, die eine weltweite Bedrohung darstellen können, ableiten.
Forderung nach einem europäischen Forschungsnetzwerk
Bei der Verhinderung von weltweiten Krankheitsausbrüchen wie viralen Pandemien ist eine globale Zusammenarbeit der Gesundheitsbehörden und Forschungseinrichtungen unerlässlich. Nur so kann schneller reagiert werden auf neu auftretende Krankheitserreger mit hohem Gefährdungspotential. Europäische Forschende fordern daher ein europäisches Netzwerk für Influenza-Forschung und Pandemie-Vorbereitung nach US-amerikanischem Vorbild.
Weitere Informationen zur Schweinegrippe
Hier finden Sie weitere Informationen zur Schweinegrippe im Internet:
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Influenza A(H1N1) virus - Global (Engl.)
- Robert Koch-Institut: Zoonotische Influenza
Quellen
- Agrawal, R. et al.: Clinical Profile and Detection of Novel H1N1 Influenza Virus in Children by Reverse Transcription Polymerase Chain Reaction at a Tertiary Care Center. In: Journal of Medical Sciences and Health 2021, 7 (2): 39 – 42
- Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig: Forschungsgruppen/Ökologie und Entstehung von Zoonosen (letzter Abruf: 11.09.2025)
- Jilani, T.N. et al.: H1N1 Influenza. [Updated 2024 Mar 4]. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2025 Jan
- Krammer, F. et al.: Europe needs a sustainably funded influenza research and response network. In: The Lancet Infectious Diseases 2025, 25 (4): 369 – 372
- Paul-Ehrlich-Institut: Pandemie 2009/2010 – Archiv der Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts (letzter Abruf: 11.09.2025)
- Robert Koch-Institut: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur zoonotischen Influenza bei Menschen (letzter Abruf: 11.09.2025)
- Simonsen, L. et al.: Global Mortality Estimates for the 2009 Influenza Pandemic from the GLaMOR Project: A Modeling Study. In: PLOS Medicine 2013, 10 (11): e1001558
- World Health Organization (WHO): Influenza A(H1N1) pandemic 2009-2010 (letzter Abruf: 11.09.2025)
Letzte Aktualisierung: 30.10.2025