DNA helix 3D illustration

Nutzen der Epigenetik

Bedeutend ist die Epigenetik vor allem auch für das Verständnis von komplexen, chronischen Krankheiten. Am weitesten fortgeschritten ist die epigenetische Forschung zum Thema Krebs. Bereits seit den 1980er Jahren weiß man, dass neben DNA-Polymorphismen (Auftreten mehrerer Genvarianten in einer Population) bzw. Mutationen auch fehlerhafte epigenetische Kontrollmechanismen zur Entstehung zahlreicher Krebsarten beitragen.

Wissenschaftliche Beratung:
Dr. Stefan Dehmel, Abteilung Strategie, Programme und Ressourcen, Helmholtz Zentrum München
Dr. Klaus Rehmann, Abteilung Strategie, Programme und Ressourcen, Helmholtz Zentrum München

Bedeutend ist die Epigenetik vor allem auch für das Verständnis von komplexen, chronischen Krankheiten. Am weitesten fortgeschritten ist die epigenetische Forschung zum Thema Krebs. Bereits seit den 1980er Jahren weiß man, dass neben DNA-Polymorphismen (Auftreten mehrerer Genvarianten in einer Population) bzw. Mutationen auch fehlerhafte epigenetische Kontrollmechanismen zur Entstehung zahlreicher Krebsarten beitragen.

Wissenschaftliche Beratung:
Dr. Stefan Dehmel, Abteilung Strategie, Programme und Ressourcen, Helmholtz Zentrum München
Dr. Klaus Rehmann, Abteilung Strategie, Programme und Ressourcen, Helmholtz Zentrum München

Zunächst konzentrierte sich die Wissenschaft auf die fehlerhafte Methylierung der DNA: Bei nahezu allen Tumorarten unterscheidet sich das Methylierungsmuster von Krebszellen von dem gesunder Zellen. Durch Hypermethylierung, also zu starker Methylierung, bestimmter Genregionen werden zum Beispiel sogenannte Tumorsupressorgene ausgeschaltet, die im normalen, unmethylierten Zustand eine unkontrollierte Zellteilung bremsen. 

Krebsrisiko durch stillgelegte Gene früh anzeigen

Epigenetische Veränderungen kommen durch das Andocken bestimmter Moleküle, etwa Methylgruppen, an die Gene zustande. Diese Aufgabe erledigen spezialisierte Enzyme, die sogenannten Methyltransferasen. Anhand von epigenetischen Veränderungen des Erbguts haben Forschende das Risiko von Blutkrebs bei Mäusen erkannt, bevor erste sichtbare Symptome der Krankheit aufgetreten sind. Im Erbgut von Krebszellen sind wichtige Gene, die normalerweise unkontrolliertes Zellwachstum unterbinden oft durch chemische Markierungen der DNA stillgelegt.

Wie sich solche epigenetischen Marker als Diagnostik-Möglichkeit nutzen lassen, das haben Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg gemeinsam mit Kollegen von der amerikanischen Ohio State University untersucht. Sie entdeckten, dass bei Mäusen die krebstypischen Erbgut-Markierungen lange vor den ersten Symptomen einer Blutkrebs-Erkrankung auftreten. Ein Test auf die Genmarkierung könnte daher eine entstehende Krebserkrankung frühzeitig aufspüren, berichteten die Forscher im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Science 2009. Bei vielen Krebserkrankungen sind Teile des Erbguts der Tumorzellen durch chemische Markierungen, so genannte Methylierungen, stillgelegt.

Epigenetik als Ansatzpunkt für neue Krebs-Therapien

Wann im Verlauf der Krebsentstehung erste Krebs-spezifische epigenetische Markierungen auftreten, untersuchten Wissenschaftler an Mäuse, die an chronisch-lymphatischer Leukämie erkranken. Wie sie im Fachblatt PNAS berichteten, treten erste krebstypische Methylierungsmuster bereits bei drei Monate alten Mäusen auf, also weit vor den ersten Symptomen der Erkrankung, die üblicherweise erst bei dreizehn Monate alten Tieren beobachtet werden. Darüber hinaus konnten sie zeigen, dass die Methylierungsmuster im Mäuse-Erbgut weitgehend mit denen übereinstimmen, die auch bei Leukämie-kranken Menschen gefunden werden. Das sehen die Forscher als Bestätigung dafür, dass sich die Leukämie-Mäuse gut als Untersuchungsmodell eignen.

Langfristig, so hoffen die Forschenden, könnten die Methylierungsmuster einmal Hinweise auf ein Krebsrisiko anzeigen und als Angriffspunkt für präventive Therapien dienen - beispielsweise mit Medikamenten, die eine Anheftung der Methylgruppen verhindern und damit die Krebsentstehung verzögern. Im Gegensatz zu Genmutationen, die die Abfolge der Erbgutbausteine endgültig verändern, sind alle epigenetischen Markierungen nämlich reversibel und daher potenzielle Zielstrukturen für entsprechende Arzneien. Erste klinische Studien dazu laufen bereits.

Weitere epigenetisch gesteuerte Krankheitsbilder

Nicht nur Krebs, sondern auch andere Krankheiten scheinen unter dem Einfluss epigenetischer Prozesse zu stehen. So zum Beispiel:

Erste Studien liefern bereits Hinweise auf fehlerhafte epigenetische Mechanismen. So ist bei Betroffenen mit Asthma die Aktivität des Enzyms Histonacetylase (HAT) erhöht. Histonacetylasen sind im Gegensatz zu den Histondeacetylasen (HDAC) nicht für die Deacetylierung der Histonproteine, sondern für die Acetylierung, also die Anheftung einer Acetylgruppe verantwortlich. Eine erhöhte HAT-Aktivität führt vermutlich zu einer verstärkten Aktivierung von Entzündungsgenen, die an der Entwicklung von Asthma beteiligt sind.

Bei COPD ist dagegen die Aktivität eines bestimmten HDAC-Enzyms (HDAC2) erniedrigt. Die verringerte Aktivität des Enzyms in Lungengewebe, Bronchial- und Immunzellen korreliert mit der Schwere der Krankheit und dem Entzündungsstatus bei COPD-Betroffenen.

Mehr zu Epigenetik

Testing substances

Epigenetik: Ziele und Hoffnungen der Forschung

Ziele

Die Epigenetik untersucht, wie übergeordnete Steuerungselemente des Genoms die Aktivität der Gene beeinflussen. Die Forscher erwarten sich viel davon.

Mehr erfahren

DNA genetic material

Wie funktioniert die Epigenetik?

Mechanismen

Epigenetische Phänomene verändern nicht die Basenabfolge der DNS, sondern die chemische Struktur der DNS-Basen und/oder die Verpackung der DNS.

Mehr erfahren

Global healthcare. Earth and stethoscope.

Welchen Einfluss hat die Umwelt auf das Epigenom?

Umwelteinflüsse

Das Epigenom eines Menschen wird durch Umwelt- und Lebensstilfaktoren beeinflusst. Auch bestimmte Schadstoffe können den Methylierungsgrad der DNS verändern.

Mehr erfahren

Microscope

Epigenetik: Aktuelle Forschungsaktivitäten

Forschung

Langfristiges Ziel der epigenetischen Forschung ist es, Medikamente zur Therapie von chronischen Krankheiten zu entwickeln.

Mehr erfahren

Mehr zur Forschung zu Lungenkrankheiten

Transgender symbol and gender symbol of man and woman on a gray background.

Geschlechtersensible Medizin

Gendermedizin

Viele Lungenkrankheiten werden durch das Geschlecht beeinflusst. Erfahren Sie die Unterschiede...

Mehr erfahren

Mikrobiom_568719404.jpeg

Mikrobielle Besiedelung der Atemwege

Mikrobiom

In den Atemwegen lebt ein artenreiches Mikrobiom, eine Gemeinschaft aus Bakterien, Viren & Pilzen. Mehr dazu, wie sie sich auf die Gesundheit auswirken.

Mehr erfahren

Nanomaterial - Gewebe

Was sind Nanopartikel?

Nanopartikelforschung

Zu Nanopartikeln gehören sowohl in der Umwelt vorkommende Teilchen als auch synthetisch hergestellte Teilchen.

Mehr erfahren

AI-assisted aerosol distribution in lung LHI

Regeneration der Lunge und Airway-Remodeling

Regeneration

Reparaturprozesse in der Lunge können entweder zu einer vollständigen Regeneration des Gewebes führen oder zu einem fehlerhaften Umbau – dem so genannten Remodeling.

Mehr erfahren

Biomarker Discovery for Diagnostic and Prognostic Purposes

Entwicklung neuer Wirkstoffe

Wirkstoffforschung

Der Weg zu einem neuen Medikament ist lang und teuer. Hier erfahren Sie, welche Schritte nötig sind, bis ein neues Medikament auf den Markt kommt.

Mehr erfahren

AdobeStock_70662261.jpeg

Noch immer experimentell

Zelltherapien

Zelltherapien werden intensiv erforscht, befinden sich jedoch größtenteils noch immer in einem vorklinischen, experimentellen Stadium. Erfahren Sie mehr...

Mehr erfahren

Bioprobenbehälter

Schatzkammern für die Lungenforschung

Biobanken

Biobanken sind Schatzkammern für die Lungenforschung. Die Idee, menschliches Gewebe und Organe aufzubewahren, ist keineswegs neu.

Mehr erfahren

Abstract human body with molecules DNA | Without Text

Wichtiges Werkzeug der modernen Medizin

Biomarker

Was sind Biomarker? Welche Arten von Markern gibt es? Und wie werden Biomarker in der Diagnostik oder auch in der Lungenforschung genutzt?

Mehr erfahren

Quellen

  • Helmholtz Zentrum München: DNA-Verpackung – ein neuer Ansatzpunkt zur Krebstherapie. In: Broschüre „Vom Labor in die Klinik - Translationale Forschung in der GSF“, S. 48-52
  • Sproul, D. et al.: Tissue of origin determines cancer-associated CpG island promoter hypermethylation patterns. Genome Biol. 2012; 13(10)
  • Chen, S.-S. et al.: Epigenetic changes during disease progression in a murine model of human chronic lymphocytic leukemia. Proc Natl Acad Sci U S A. 2009 Aug 11; 106(32): 13433–13438. www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2726368/
  • Adcock, I., et al.: Epigenetic regulation of airway inflammation. In: Current Opinion in Immunology, 2007,19: 694-700 
  • Bhavsar, P. et al.: The role of histone deacetylases in asthma and allergic diseases. J Allergy Clin Immunol. 2008 Mar;121(3):580-4.
  • Lai, T. et al.: HDAC2 Suppresses IL17A-Mediated Airway Remodeling in Human and Experimental Modeling of COPD. Chest. 2018 Apr;153(4):863-875.
  • Ito, K. et al.: Impact of protein acetylation in inflammatory lung diseases. Pharmacol. Ther. 2007 Nov;116(2):249-65

Letzte Aktualisierung: 23.05.2018

News aus der Lungenforschung

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und unserem WhatsApp-Kanal folgen!