Auf Intensivstationen herrschen besondere Bedingungen: Das Licht ist oft rund um die Uhr eingeschaltet, Behandlungen finden zu jeder Tages- und Nachtzeit statt und auch Schlaf- und Essenszeiten sind häufig unregelmäßig. Dadurch kann die innere Uhr aus dem Gleichgewicht geraten.
Wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät
Die innere Uhr steuert viele wichtige Vorgänge im Körper. Dazu gehören
- der Schlaf,
- der Stoffwechsel,
- die Hormonproduktion,
- das Immunsystem und
- das Herz-Kreislauf-System.
Normalerweise wird sie durch den Wechsel von Tag und Nacht geregelt. Frühere Studien zeigen, dass die innere Uhr bei schwer kranken Menschen oft gestört ist. Solche Störungen könnten mit Veränderungen wichtiger Körperfunktionen und möglicherweise auch mit einem ungünstigeren Krankheitsverlauf zusammenhängen.
Zirkadiane Medizin nutzt den Biorhythmus
Die sogenannte zirkadiane Medizin möchte Behandlungen stärker an den natürlichen Biorhythmus anpassen. Auf Intensivstationen könnten zum Beispiel Licht, Essenszeiten oder bestimmte Therapien so geplant werden, dass sie die innere Uhr unterstützen.
Bislang ist jedoch nicht klar, ob solche Maßnahmen die Genesung tatsächlich verbessern. Zwar wurden bereits Ansätze mit Licht oder dem Hormon Melatonin untersucht, die Ergebnisse sind aber nicht eindeutig. Deshalb sind weitere gut geplante Studien nötig.
Wie lässt sich die innere Uhr erfassen?
Eine Herausforderung besteht darin, die innere Uhr bei schwer kranken Menschen zuverlässig zu messen. Werte wie
- Melatonin,
- Cortisol oder
- die Körpertemperatur
können durch Krankheiten oder Medikamente beeinflusst werden. Fachleute fordern deshalb bessere Messgrößen. Auch Daten, die im Klinikalltag ohnehin erhoben werden, könnten stärker für die Forschung genutzt werden, etwa
- die Herzfrequenz,
- der Blutdruck und
- die Körpertemperatur.
Wirkt zirkadiane Medizin langfristig besser?
Die Forschenden betonen außerdem, dass die Auswirkungen nicht nur während des Aufenthalts auf der Intensivstation untersucht werden sollten. Bei vielen Betroffenen bleibt der Tag-Nacht-Rhythmus auch danach gestört, was zu Schlafproblemen führen kann.
Die Berücksichtigung der inneren Uhr gilt als vielversprechender Ansatz. Bevor er jedoch breit eingesetzt wird, muss wissenschaftlich belegt werden, dass er die Gesundheit und Genesung von Patientinnen und Patienten tatsächlich verbessert.
Quelle
Hiemstra, F. W. et al.: Challenges and Recommendations for Integrating Circadian Medicine in Critical Care. In: Chest 2026, 169 (4): 977 – 990