Antibiotika bei Lungenerkrankungen - Einsatzbereiche und Resistenzen

Spricht man über Antibiotika, sollte zunächst die Frage geklärt werden: Was sind Antibiotika? Antibiotika sind Substanzen, die von Bakterien und Pilzen produziert werden. Sie dienen den Mikroorganismen vor allem als Abwehr- und Signalstoffe. Um sich gegen andere Bakterien zu wehren, können die Organismen verschiedene Antibiotika produzieren. Seit Mitte des 19ten Jahrhunderts werden Antibiotika auch in der Medizin eingesetzt.

Neben den natürlich vorkommenden Antibiotika werden auch synthetisch hergestellte Chemotherapeutika als Antibiotika bezeichnet. Diese künstlich hergestellten Mittel haben den Vorteil, dass sie meist besser verträglich sind und ein breiteres Wirkspektrum besitzen. Allen Antibiotika gemein ist, dass sie grundsätzlich nur gegen Bakterien, nicht aber gegen Viren wirken und schon in geringen Mengen die Bakterien am Wachstum hindern und sie somit abtöten können.

Wie wirken Antibiotika gegen Bakterien?

GUT ZU WISSEN

Bakterien sind einzellige Organismen, die sich durch Zellteilung vermehren und in verschiedenen Formen auftreten können. Beispiele sind Stäbchen (zylindrisch), Kokken (kugelförmig) oder Spirillen (wendelförmig).

Antibiotika greifen an verschiedenen Stellen in den Stoffwechsel von Bakterien ein. Sie können entweder deren Zellwände zerstören (bakterizide Wirkung) oder die Zellteilung der Bakterien verhindern (bakteriostatische Wirkung).

Zur Bekämpfung von verschiedenen Bakterienarten gibt es verschiedene Antibiotika. Manche von ihnen wirken gegen sehr viele verschiedene Bakterien gleichzeitig, andere nur gegen einige bestimmte Arten. Man bezeichnet dies als 'Wirkspektrum des Antibiotikums'. Antibiotische Wirkstoffe, die gegen viele verschiedene Bakterien wirken, nennt man Breitbandantibiotika.  

Antibiotika als Arzneimittel

Durch Zufall entdeckte Alexander Flemming 1928 das Penicillin, das bis heute als das erste bekannte Antibiotikum gilt. In den 1940er Jahren begann man damit, Antibiotika als Medikamente in der Medizin einzusetzen. Heute sind in Deutschland etwa 80 antibiotische Wirkstoffe verfügbar. 

Antibiotika werden nicht nur zur Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen eingesetzt, sondern auch in der Tiermedizin. Dieser Aspekt spielt auch bei der Problematik der Antibiotikaresistenz eine entscheidende Rolle.

Der Großteil der Antibiotika, die in Deutschland in der Humanmedizin, also bei der Behandlung von Menschen, eingesetzt werden, wird im ambulanten Bereich (Arztpraxen) verordnet (85 Prozent). 15 Prozent der Gesamtmenge werden somit im Krankenhaus eingesetzt. Insgesamt beläuft sich der Antibiotikaverbrauch in der Humanmedizin in Deutschland pro Jahr auf etwa 700 bis 800 Tonnen. In der Tiermedizin wurden im Jahr 2014 zusätzlich etwa 1200 Tonnen an Tierärzte und -ärztinnen ausgegeben.

Bei welchen Lungenerkrankungen werden Antibiotika eingesetzt?

Gut zu wissen

Antibiotika wirken grundsätzlich nur gegen Bakterien und können somit nur bei bakteriellen Infektionskrankheiten eingesetzt werden, nicht aber bei einer Infektion mit Viren.

Antibiotika werden bei Lungenerkrankungen dann eingesetzt, wenn sich Bakterien in der Lunge zunehmend vermehren und dadurch Entzündungen auslösen. Dies kann bei vielen verschiedenen Lungenerkrankungen wie Lungenentzündung, COPD, Mukoviszidose, Bronchiektasen oder der Primären Ciliären Dyskinesie (PCD) der Fall sein.

Die Medikamente können oral, als Tabletten oder Saft, eingenommen werden, intravenös verabreicht oder inhaliert werden. Inhalative Antibiotika haben den Vorteil, dass sie direkt an den Wirkort gelangen, ohne den gesamten Körper zu belasten.

Lungenentzündung: Eine Lungenentzündung wird fast immer mit Antibiotika behandelt, da der häufigste Auslöser der Krankheit das Bakterium Streptococcus pneumoniae ist. Zur Behandlung werden vor allem sogenannte Beta-Lactam-Antibiotika eingesetzt. Dazu gehören Penicillin und Amoxicillin, die beiden inzwischen bevorzugten Mittel zur Behandlung einer Lungenentzündung. …mehr zur Therapie bei Lungenentzündung

COPD: Bakterien sind bei etwa der Hälfte aller COPD-Exazerbationen beteiligt. Deshalb ist eine Behandlung mit Antibiotika bei COPD-Patienten immer wieder nötig. Die Substanzen sollten aber nur gegeben werden, wenn an der Exazerbation tatsächlich eine bakterielle Infektion beteiligt ist. Nach der Nationalen Versorgungsleitlinie COPD soll die Antibiotikatherapie fünf bis zehn Tage andauern. Die Gabe über einen langen Zeitraum wird nicht empfohlen. …mehr zur Therapie bei COPD

Mukoviszidose: Häufig setzen sich bei Menschen mit Mukoviszidose Bakterien im zähen Schleim der Bronchien fest. Sehr oft handelt es sich dabei um das stäbchenförmige Bakterium Pseudomonas aeruginosa. Die Pseudomonas-Infektion kann mit inhalativen Antibiotika behandelt werden. Bei einer chronischen Besiedelung der Atemwege ist bei vielen Betroffenen mehrmals im Jahr aber auch eine intravenöse Antibiotika-Therapie über zwei Wochen erforderlich.  mehr zur Therapie bei Mukoviszidose

Bronchiektasen:  Bei der Therapie von Bronchiektasen kommen Antibiotika zum Beispiel bei akuten oder chronischen Infekten mit Pseudomonas aeruginosa zum Einsatz. Die Therapie mit inhalativen Antibiotika kann hier manchmal sinnvoll sein. Wann und bei welchen Betroffenen mit Non-CF-Bronchiektasen antibiotische Wirkstoffe eingesetzt werden können haben wir in einer Nachricht zusammengefasst (Antibiotika bei Non-CF-Bronchiektasen: was, wann und wozu?, April 2014). …mehr zur Therapie bei Bronchiektasen

Primäre Ciliäre Dyskinesie (PCD): Bei der genetisch bedingten primären ciliären Dyskinesie (PCD) ist die Bewegung der Flimmerhärchen (Zilien) gestört. Durch die mangelnde Beweglichkeit ist der Sekrettransport gestört und die natürliche Selbstreinigung der Atemwege eingeschränkt. So kommt es zu anhaltenden Entzündungen der Lunge, die eine Therapie mit Antibiotika erforderlich machen. Auch Bronchiektasen können bei Menschen mit PCD entstehen. …mehr zur Therapie bei Primärer Ciliärer Dyskinesie

Keuchhusten: Die hochansteckende Infektionskrankheit Keuchhusten (Pertussis) wird durch Bakterien der Gattung Bordetella pertussis verursacht. Deshalb sind Antibiotika hier das richtige Therapie-Mittel. Die Behandlung von Keuchhusten mit Antibiotika sollte in den ersten Wochen erfolgen, da eine spätere Einnahme den Verlauf der Krankheit nur gering beeinflusst. …mehr zur Therapie bei Keuchhusten

Tuberkulose: Bakterien aus der Familie der Mykobakterien sind die Auslöser von Tuberkulose (TB). Der mit Abstand häufigste Erreger beim Menschen ist Mycobacterium tuberculosis. Die Therapie besteht stets aus einer Kombination mehrerer Antibiotika, die sich in ihren Wirkmechanismen und Wirkorten unterscheiden. Diese werden als Antituberkulotika bezeichnet. Insgesamt stehen derzeit für die Behandlung von Tuberkulose vier sogenannte Erstrangmedikamente zur Verfügung, die bei der Standard-Therapie zunächst in Kombination eingesetzt werden: Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid. In den letzten Jahren werden jedoch immer mehr multiresistente Tuberkulose-Erreger (MDR-TB) und extrem resistente Erreger (XDR-TB) gefunden, die die Behandlung erschweren. …mehr zur Therapie bei Tuberkulose

Antibiotikaresistenzen

Ist ein Bakterium resistent gegen ein Antibiotikum, bedeutet dies, dass es sich vor dessen Wirkung schützen kann. Bakterien können von Natur aus resistent gegen verschiedene Antibiotika werden. Grundlage dafür bilden bestimmte Gene im Erbgut der Bakterien, die sogenannten Resistenz-Gene.

GUT ZU WISSEN

Seit Antibiotika in der Medizin eingesetzt werden, hat die Zahl der Resistenzen stetig zugenommen.

Zum einen ist es Bakterien möglich, durch natürliche Mutationen, also Veränderungen im Erbgut, eine Antibiotikaresistenz zu entwickeln. Zum anderen können manche Bakterien-Arten ihre Resistenz-Gene auch untereinander austauschen. So kann es am Ende sein, dass sie sich gleich gegen mehrere Antibiotika schützen können. Man spricht dann von mehrfach-resistenten Bakterien, die auch als multiresistente Keime bezeichnet werden.

Multiresistente Keime zu bekämpfen kann äußerst kompliziert werden, da dann kaum ein Antibiotikum noch Wirkung zeigt. Versagt eine Antibiotika-Therapie kann dies für Betroffene schwerwiegende, sogar tödliche Folgen haben.

Was sind die Gründe für den Anstieg der Antibiotikaresistenzen?

Menschen und Tiere bauen die Antibiotika im Körper nicht komplett ab. So gelangen jedes Mal Anteile des Wirkstoffes über Abwässer, Kläranlagen, Gülle oder Abwässer von Aquakulturen in die Böden und auch das Grundwasser. Ein weiteres Problem ist die unsachgemäße Entsorgung von Abwässern und Abfällen aus der Antibiotika-Produktion selbst. So sammeln sich in der Umwelt Rückstände von Antibiotika an, die es den Bakterien erleichtern, Resistenzen zu entwickeln. Denn je öfter sie dem Wirkstoff ausgesetzt sind, desto mehr Möglichkeiten haben sie zu 'lernen', wie sie sich dem Wirkstoff zur Wehr setzen können.

Das Bundesministerium für Gesundheit führt in seiner Antibiotika-Resistenzstrategie DART 2020 mehrere Gründe für den Anstieg der Antibiotika-Resistenzen auf, darunter zum Beispiel:

  • Übermäßiger und unsachgemäßer Gebrauch von Antibiotika (auch gefördert durch Informationslücken beim Arzt oder durch Wünsche von Patienten bzw. Tierbesitzern)
  • Hygienemängel in Human- und Tiermedizin (resistente Erreger können sich ausbreiten)
  • Fehler bei Anwendung und Einnahme der Antibiotika

Wie lässt sich Antibiotikaresistenzen entgegenwirken?

Inzwischen plädieren viel Wissenschaftler, Ärzte und auch Politiker für einen sorgsamen Umgang beim Einsatz von Antibiotika. So wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl von Initiativen gestartet, die der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen entgegenwirken sollen. Neben der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) des Bundesministeriums für Gesundheit auch das Projekt ‚Antibiotic Stewardship 2.0‘. 

Auch im Rahmen des G20-Gipfels 2017 in Hamburg berieten sich die Gesundheitsminister der G20-Staaten über die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen. Sie verabschiedeten die "Berliner Erklärung der G20 Gesundheitsminister", in der sich die Staaten dazu verpflichten, die Antibiotika-Resistenzen im eigenen Land zu überwachen und zu bekämpfen. 

Ansätze und Maßnahmen, wie der Anstieg der Antibiotika-Resistenzen gebremst werden kann, sind in DART 2020 aufgeführt. Diese beinhalten unter anderem:

  • Zielgruppenspezifische Informationen bereitstellen, um Wissenslücken in der Bevölkerung und bei Ärztinnen oder Ärzten zu schließen, und so das Bewusstsein zu fördern und Kompetenzen zu stärken
  • Forschung und Entwicklung vorantreiben, auch um neue antibiotische Substanzen zu entwickeln
  • Ausbau von Überwachungssystemen, um die Entwicklung von Resistenzen frühzeitig zu erkennen
  • den Antibiotika-Verbrauch besser überwachen
  • Diagnostik der Infektion verbessern und Hygienemaßnahmen besser umsetzen

 

 

Auch jede/r Einzelne kann einen Beitrag leisten, um dem Anstieg der Resistenzen entgegenzuwirken. Besonders wichtig ist es zum Beispiel, sich an die Behandlungsvorgaben, wie Dosierung und Einnahmezeitpunkte, zu halten. Für die meisten bakteriellen Infektionen wird mittlerweile eine sieben-tägige oder sogar kürzere Therapiedauer empfohlen.

Uneinigkeit besteht momentan noch darüber, ob ein Antibiotikum immer bis zum Ende der vorgegebenen Therapieempfehlung eingenommen werden sollte. Die Autorinnen und Autoren einer aktuellen Veröffentlichung im 'British Medical Journal stellen zum Beispiel die These auf, dass Antibiotika nur bei "professionellen" Keimen wie den Erregern von Tuberkulose, Malaria, Typhus oder Tripper durchgängig genommen werden sollten. Denn bei diesen Infektionen müssten alle Keime abgetötet werden, um eine „gezielte Selektion“ von resistenten Keimen zu verhindern.

Die Wissenschaftler sagen aber auch, dass sich der Großteil der Resistenzen während einer Antibiotika-Therapie durch "kollaterale Selektion" bei Bakterien entwickelt, die zwar den menschlichen Körper auf Haut, Schleimhäuten oder im Darm besiedeln, aber keine Krankheiten auslösen. Eine zu lange Behandlung mit Antibiotika könne dazu beitragen, dass von diesen Organismen nur noch resistente Exemplare überleben, die dann die eigentliche Gefahr für die Patienten darstellen. Es seien aber weitere Studien nötig, um genau zu klären, wie lang die optimale Antibiotika-Behandlung dauern sollte, so das Autoren-Team.

 

 

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Quellen:

Letzte Aktualisierung:

1.8.2017

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