Individualisierte Therapien

Individualisierte Therapieplanung
Individualisierte Therapieplanung; Foto: Fotolia

Was sind individualisierte Therapieverfahren?

Der Begriff individualisierte Therapieverfahren ist in gewisser Weise irreführend. Denn es gehört schon lange zu den Grundregeln der Medizin, die Behandlung bei jedem Patienten möglichst optimal an die individuellen Gegebenheiten anzupassen. Berücksichtigt werden dabei objektivierbare Faktoren wie die Schwere der Erkrankung, die Verträglichkeit der Therapie, aber auch die persönlichen Bedürfnisse des Kranken und seine Lebensumstände. Aber: Welche Behandlung im konkreten Fall angezeigt ist, richtet sich primär nach der Erkrankung und wurde jeweils in umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen mit vielen Tausend Betroffenen ermittelt. Bei der Therapieform handelt es sich also letztlich immer um einen "Mittelwert" aus Erfahrungen mit großen Patientengruppen.

 

Welche Rolle spielt die genetische Ausstattung für die Therapie?

Allerdings sind große Patientengruppen auf zellulärer und molekularer Ebene nicht homogen. So gibt es in der genetischen Ausstattung von Mensch zu Mensch kleine Unterschiede, die aber große Auswirkungen haben können, zum Beispiel in Hinblick auf die Krankheitsentstehung oder einen besonders schweren Krankheitsverlauf. Auch auf die Wirksamkeit und Verstoffwechselung von Medikamenten haben solche genetischen Variationen oft Einfluss. Hinzu kommt, dass sich zum Beispiel bei Patienten mit einer bestimmten Krebsart die molekularen Charakteristika des Tumors unterscheiden können, Krebs also nicht immer gleich Krebs ist.

IN KÜRZE:

Ziel individualisierter Therapieformen ist es, für jeden Patienten die Therapie zu finden, die optimal wirkt und möglichst gut verträglich ist.

An diesem Punkt setzt das Konzept der individualisierten Therapie an, das die medizinische und pharmazeutische Forschung seit einigen Jahren mit wachsender Intensität verfolgt. Hier soll durch genetische Analysen und die Bestimmung von Biomarkern ermittelt werden, welcher Patient von welchen Medikamenten in welchen Dosierungen profitiert. Ziel ist als für den Kranken individuell eine "maßgeschneiderte" Therapie zu entwickeln und anzuwenden. Eine Behandlung, auf die dieser Patient optimal anspricht, bei möglichst geringen Nebenwirkungen. Deshalb sind individualisierte Therapieverfahren auch zentraler Bestandteil der personalisierten Medizin.

 

Wo stehen die individualisierten Therapieverfahren derzeit?

Die Entwicklung von individualisierten Therapieverfahren wird von der medizinischen und pharmazeutischen Forschung seit einigen Jahren intensiv vorangetrieben. Dieszeigt sich auch daran, dass die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu dem Thema exponentiell angestiegen ist. Auch die Regierungen vieler Industrienationen, darunter auch Deutschlands, sehen in der individualisierten Medizin eines der wichtigsten Zukunftsthemen der Gesundheitsforschung und stellen dementsprechend Fördermittel zur Verfügung.

Einige Durchbrüche sind bereits gelungen, zum Beispiel in der Behandlung von Brustkrebs. Bei 15-30 Prozent der Patientinnen mit Mammakarzinom ist die Anzahl der so genannten Her2-Moleküle auf der Oberfläche der Krebszellen stark erhöht. Mediziner sprechen von einer Her2-Überexpression. Her2 ist ein Rezeptor für Wachstumsfaktoren und findet sich auch auf der Oberfläche von gesunden Körperzellen. Bei Brustkrebspatientinnen geht eine hohe Her2-Konzentration auf den Krebszellen – die sich im Labor bestimmen lässt - aber mit sehr schnellem Tumorwachstum und einer schlechten Prognose einher. Im Jahr 2000 wurde ein Medikament zugelassen, das diese Rezeptoren blockiert. Heute gehört es zur Standardtherapie bei Brustkrebspatientinnen mit einer starken Her2-Überexpression. Allerdings handelt es sich streng genommen eher um eine gezielte Behandlung für alle Frauen mit einer bestimmten Form des Mammakarzinoms, nicht um eine individuell auf eine einzelne Patientin maßgeschneiderte Therapie. Ähnliche Ansätze gibt es auch schon bei einigen anderen Krankheiten, zum Beispiel bei Blutkrebs.

IN KÜRZE:

Die individualisierte Therapie befindet sich momentan noch weitgehend im Entwicklungsstadium. Doch die Forschung wird intensiv vorangetrieben.

Individualisierte Therapieverfahren bei Lungenerkrankungen

Alles in allem stecken individualisierte Therapieverfahren auch im Bereich der Lungenforschung noch weitgehend in den Kinderschuhen. Denn sie setzen voraus, dass man weiß, welche genetischen, molekularbiologischen und zellulären Merkmale auf welche Weise mit einem bestimmten Krankheitsbild in Verbindung stehen. Dazu ist bei den meisten Erkrankungen noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten. Im Zusammenhang mit Lungenerkrankungen am weitesten gediehen ist der Ansatz einer individualisierten Therapie bei Lungenkrebs, genauer gesagt beim nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC – non small cell lung cancer).

Hier hat man herausgefunden, dass ein Teil der Betroffenen eine genetische Mutation im Erbgut hat. Sie bedingt, dass der so genannte EGF-Rezeptor im Übermaß auf der Oberfläche von Krebszellen vorkommt. Inzwischen konnten Wirkstoffe entwickelt werden, die diesen abnormen Rezeptor hemmen - sogenannte Tyrosinkinasehemmer. Sie gehören heute zur Standardtherapie bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom – wenn eine aktivierende Veränderung des EGF-Rezeptors nachzuweisen ist.

Generell kristallisiert sich heraus, dass es sich beim NSCLC um ein Krankheitsbild handelt, welches mit Hilfe von Biomarkern in Untergruppen aufgeschlüsselt werden kann. Dies eröffnet viele Wege für neue, spezifischere Behandlungsansätze im Sinne einer individualisierten Therapie. So wird derzeit beispielsweise ein Medikament in Studien untersucht, das den Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom helfen könnte, die in ihrem Erbgut ein bestimmtes Onkogen (Krebsgen) tragen.

Neben diesen ersten Erfolgen beim Lungenkrebs sind individualisierte Therapien sicher auch für andere Lungenerkrankungen wie COPD oder Lungenfibrose ein Hoffnungsträger für die Zukunft. Allerdings befinden sie sich in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung und erfordern noch viel Forschungsarbeit, bevor sie routinemäßig an Patienten angewendet werden können.

Auch für die Behandlung von Asthma zeigen sich erste individualisierte Therapieverfahren: Eine bestimmte genetische Variante führt dazu, dass manche Kinder auf Salmeterol, einen bronchienerweiternden Wirkstoff, nicht ansprechen. Durch einen Speicheltest kann diese Mutation festgestellt werden. So können die resistenten Kinder vor Therapiebeginn erkannt und mit einem anderen Asthmamedikament behandelt werden. Bislang ist der Gentest allerdings noch in der Entwicklung.

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Quellen:

 



Letzte Aktualisierung:

12.08.16

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