Bauernhofhypothese

Wie der Darm die Lunge schützt

12. Nov 2020

Bauernhofkinder haben ein geringeres Asthmarisiko als Kinder, die nicht auf einem Bauernhof leben. Die Gründe dafür sind bislang nicht vollständig bekannt. Forschende des Helmholtz Zentrums München und des Dr. von Haunerschen Kinderspitals der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigen nun in einer Studie, wie das Darmmikrobiom an diesem Schutzprozess beteiligt ist.

Junge und Mädchen sitzen an sonnigem Tag auf ein paar Heuballen.

© ulza - AdobeStock

Unser Immunsystem entwickelt sich und reift durch den Kontakt mit Stoffen und Mikroorganismen in unserer Umwelt. Ein wichtiger Trainingspartner für die körpereigene Abwehr ist vor allem das Darmmikrobiom oder die Darmflora – also die Gesamtheit aller Bakterien, die unseren Darm besiedeln. Bereits bei der Geburt beginnen Bakterien sich im Darm anzusiedeln, ihre Vielfalt und Zusammensetzung wird dabei stark von äußeren Einflüssen bestimmt. Die Reifung des Immunsystems ist also untrennbar mit der Reifung des Darmmikrobioms verbunden.

Dass eine große Vielfalt von Mikroorganismen in der Umwelt das Risiko für Asthma verringern kann, war bereits bekannt. Und dieser Effekt zeigt sich besonders bei Kindern, die auf einem Bauernhof aufwachsen. In der aktuellen Studie untersuchten die Forschenden, ob eventuell auch der Reifungsprozess des Darmmikrobioms mit dem schützenden Effekt in Verbindung steht. Sie analysierten dafür Stuhlproben von mehr als 700 Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf Monaten, die teilweise auf traditionellen Bauernhöfen aufwuchsen.

Bauernhofleben fördert Reifung des Darmmikrobioms

Tatsächlich zeigte sich, dass ein vergleichsweise großer Teil der Schutzwirkung auf die Reifung der Darmflora im ersten Lebensjahr zurückzuführen ist. Dies war überraschend, denn bislang gingen die Forschenden davon aus, dass besonders die Ernährung zur Reifung des Darmmikrobioms beiträgt. Nach den aktuellen Ergebnissen haben aber wohl auch bauernhofspezifische Einflüsse wie der Aufenthalt in Tierställen einen starken Einfluss. Die Kinder kommen hier mit Umweltfaktoren in Berührung, die mit ihrem Darmmikrobiom interagieren und den schützenden Effekt herbeiführen.

In weiteren Analysen fanden die Forschenden zudem heraus, dass Kinder mit einer höheren Konzentration von Butyrat im Stuhl seltener Asthma entwickelten. Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure, die bei Mäusen eine schützende Wirkung vor Asthma hat. Sie wird von bestimmten Darmbakterien produziert. Diese könnten also auch beim Menschen zum Asthmaschutz beitragen, schlussfolgern die Autoren. Kinder mit einem ausgereiften Darmmikrobiom wiesen tatsächlich höhere Menge dieser speziellen Bakterien auf.

Nach Ansicht der Forschenden, bestätigen die Ergebnisse, dass die Umwelt, in der man aufwächst, die Schutzwirkung vor Asthma im Kindesalter beeinflusst. Sie liefern außerdem Hinweise darauf, dass der Darm beziehungsweise die Reife des Darmmikrobioms einen Einfluss auf die Lungengesundheit haben kann. Dies verdeutliche nochmals, wie wichtig Präventionsstrategien im ersten Lebensjahr seien, so die Studienautoren. Denn in dieser Zeit könne das Darmmikrobiom noch leicht beeinflusst werden.

Quellen:
Depner et al., 2020: Maturation of the gut microbiome during the first year of life contributes to the protective farm effect on childhood asthma. In: Nature Medicine, 2. November 2020 

Helmholtz Zentrum München: Wie Bauernhöfe vor Asthma im Kindesalter schützen. Pressemeldung vom 2.11.2020 


zum Seitenanfang
Druckversion