Allergien: Risikofaktoren

Nach heutigem Stand der Forschung tragen zwei Faktoren zur Entstehung von allergischen Erkrankungen bei: Die genetische Veranlagung sowie Umweltfaktoren, die bei entsprechender Veranlagung Ausbruch und Verlauf der allergischen Erkrankungen beeinflussen. Untersuchungen zufolge soll auch Stress während der Schwangerschaft allergische Erkrankungen beim Kind begünstigen können.

Welche Rolle spielen die Gene?

Genchip zur Analyse der Aktivität von Genen
Die genetische Veranlagung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von allergischen Erkrankungen. Mit Genchips lässt sich die Aktivität von Genen analysieren. Foto: DHGP

Allergische Atemwegserkrankungen treten wie alle allergischen Krankheitsbilder familiär gehäuft auf. Eine genetische Veranlagung wird an die Nachkommen weitergegeben und lässt das Immunsystem anders reagieren, als es seiner eigentlichen Aufgabe, der Abwehr von Krankheitserregern, entspricht. Dieser Abwehrmodus ist es, der bei der Allergieentstehung fehlgeleitet wird und die immunologische Basis für die allergische Reaktion darstellt.

Die genetische Veranlagung eines Menschen bestimmt, wie gut Fremdstoffe Barrieren wie die Haut durchdringen können, wie das Immunsystem auf Reize aus der Umwelt reagiert, und welche Folgen sich daraus ergeben. Anders als im Falle manch anderer Erbkrankheiten liegt allergischen Erkrankungen nicht ein einzelnes verändertes Gen zugrunde. Vielmehr kommt dabei ein komplexes Zusammenspiel verschiedener genetischer Faktoren in unterschiedlichen Bereichen der Erbsubstanz und in verschiedenen Genen zum Tragen.

Welche Rolle spielt Zigarettenrauch?

 

Nicht nur Pflanzen, Tiere oder Mikroben - auch der Mensch selbst trägt Mitverantwortung für einige Substanzen, die Einfluss auf allergische Atemwegserkrankungen wie Heuschnupfen nehmen können. Hier sind Tabak- bzw. Passivrauch als wichtigste Innenraumschadstoffe zu nennen. Kinder mit Neurodermitis, die Passivrauch ausgesetzt sind, tragen ein erhöhtes Risiko, Asthma zu bekommen. Auch mütterliches Rauchen kann das Immunsystem und die Lungenfunktionsparameter des Kindes beeinträchtigen.

 

Einige jüngere epidemiologische Studien zeigen überraschenderweise einen gegenläufigen Zusammenhang zwischen Aktiv- bzw. Passivrauchen und Allergieerkrankungen. Dies ist am ehesten darauf zurückzuführen, dass Allergiker und Eltern vorbelasteter Kinder im vorbeugenden Sinne zunehmend auf Zigarettenrauchen verzichten bzw. aus allergiebedingten gesundheitlichen Gründen aufhören zu rauchen. Da diese „Nichtraucher" aber unter Allergien leiden bzw. genetisch bedingt häufiger an Allergien erkranken, entsteht eine Scheinassoziation zwischen Nichtrauchen und Allergie, die den tatsächlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt.

Welchen Einfluss haben Schadstoffe aus dem Verkehr?

Eine starke Belastung mit Verkehrsschadstoffen wie Stickoxiden oder Dieselruß könnte das allergische Krankheitsgeschehen ebenfalls beeinflussen. Denn diese Substanzen öffnen Allergenen den Weg in den Körper, indem sie die Schleimhäute der Atemwege durchlässiger machen. Im Laborversuch lässt sich bei Dieselabgasen sogar ein direkter Einfluss auf die Bildung von IgE-Antikörpern nachweisen.

Studien deuten außerdem darauf hin, dass solche Schadstoffpartikel in der Luft auch direkt für die Zunahme von Sensibilisierungen verantwortlich sein könnten. So sind Pollen aus luftschadstoffbelasteten Gebieten oft mit organischen und anorganischen Partikeln belegt. Durch chemische Veränderungen, die die angelagerten Partikel an der Oberfläche der Pollen bewirken, könnten möglicherweise die bisher im Inneren der Pollen liegenden Allergene früher freigesetzt werden.

Aktuelle klinische, epidemiologische und experimentelle Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass der sogenannte oxidative Stress, der in Zellen durch eingeatmete ultrafeine Partikel erzeugt wird, eine Rolle bei der Zunahme allergischer Atemwegserkrankungen  spielen bzw. zu einer Verschlimmerung der Krankheitsbilder führen könnte.

 

Darüber hinaus konnte ein Münchner Forscherteam im Jahr 2014 zeigen, dass auch Ozon ein zentraler Faktor im Zusammenhang zwischen Klimawandel, Verstädterung und der Zunahme von allergischen Erkrankungen und Symptomen darstellt. Die Forscher untersuchten Birkenpollen, die von unterschiedlich Ozon-belasteten Regionen in und um München stammten. Hauttests, die sogenannten Pricktests, zeigten, dass Pollen unter hohen Ozonbelastungen heftigere Reaktionen  verursachen als Pollen mit anderen Standortbedingungen. Die Ergebnisse der Untersuchungen lassen eindeutig einen Anstieg allergischer Erkrankungen erwarten.

Die Beifuß-Ambrosie - Neue Allergiegefahr?

Beifuß-Ambrosia
Männliche Blüten der Beifuß-Ambrosie; Foto: Dr. Uwe Starfinger, Biologische Bundesanstalt

Seit einigen Jahren richten Allergologen ihr Augenmerk verstärkt auf eine in Deutschland eigentlich gebietsfremde Pflanze, die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) umgangssprachlich als das Aufrechte Traubenkraut bezeichnet. Die aus den USA eingewanderte Pflanze verbreitet sich seit einiger Zeit auffällig stark im europäischen Raum. Die Pollen dieser Pflanze sind stark Allergie auslösend. In Nachbarländern wie der Schweiz und Frankreich hat sich die Ambrosie bereits massiv ausgebreitet. Experten befürchten nun, dass sie  auch in Deutschland immer häufiger zu finden sein wird. Davon geht ein ernst zu nehmendes Risiko für Allergiker aus.

Mittlerweile wird das Problem auch von offizieller Seite so ernst genommen, dass im Juni 2015 der erste bundesweite Ambrosia-Aktionstag in Deutschland stattfand. Die Organisatoren, darunter das Umweltbundesamt (UBA) und die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID), wollten mit der Aktion aufklären, wie die Beifuß-Ambrosie, bekämpft werden kann. In verschiedenen deutschen Städten und Gemeinden fanden dazu Aktionen und Informationsveranstaltungen statt.

Pollen der Beifuß-Ambrosie
Eine Beifuß-Ambrosia-Pflanze kann bis zu einer Milliarde Pollen entlassen, hier in gelb zu sehen. Foto: U.Frank, Institut für Biochemische Pflanzenpathologie, Helmholtz Zentrum München

 

Die Beifuß-Ambrosie gehört zur Familie der Korbblütler. Sie ist auch unter den Bezeichnungen Aufrechtes Traubenkraut oder Beifußblättriges Traubenkraut bekannt. Die Wuchshöhe variiert, das einjährige Kraut kann eine Höhe von bis zu etwa 1,50 Meter erreichen. Die Beifuß-Ambrosie kann leicht mit anderen Pflanzen verwechselt werden, etwa mit dem Gemeinen Beifuß. Die Blütezeit der Beifuß-Ambrosie erstreckt sich relativ spät von August bis zum ersten Frost. Dadurch dehnt sich die für Allergiegeplagte kritische Zeitspanne noch einmal aus. In dieser Zeit werden pro Pflanze bis zu einer Milliarde Pollen gebildet.

Die Pollen der Beifuß-Ambrosie sind besonders Allergie auslösend. Das Allergen ist viel stärker als die Allergene der sonst in Europa heimischen Pflanzen. Es benötigt nur eine relativ geringe Dosis von mehr als sechs Pollen pro Kubikmeter Luft in 24 Stunden, um heftige allergische Reaktionen bei sensibilisierten Personen auszulösen. Die Symptome dieses so genannten Spätsommerheuschnupfens sind tränende, geschwollene Augen und Schnupfen. Bei rund einem Viertel aller Betroffenen kann es auch zu Atemnot und Asthmaanfällen kommen.

In den USA gelten Ambrosiapollen als der häufigste Auslöser von allergischem Asthma und Heuschnupfen. Wie viele Patienten in Deutschland sensibilisiert und wie viele an einer entsprechenden Allergie erkrankt sind, ist bisher nicht bekannt. Offenbar spielt eine Allergie auf Ambrosiapollen in Deutschland bisher klinisch noch eine untergeordnete Rolle. Allerdings können insbesondere Personen mit Allergien auf Wildkräuter, zum Beispiel Beifuß, wegen der starken Kreuzreaktivität mit Ambrosia gefährdet sein. Um die Risiken durch Ambrosia für Allergiker besser abzuschätzen, sind weitere Studien nötig. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Pflanze weiter ausbreitet, ist für die Zukunft auch in Deutschland ein zunehmendes Gesundheitsrisiko zu befürchten. Deshalb kommt den Gegenmaßnahmen eine besondere Bedeutung zu.

 

Dies könnte besonders an vielbefahrenen Autostraßen entscheidend sein, denn die Pollen der Pflanze weisen gesteigerte Allergenmengen auf, wenn sie Stickstoffdioxid-haltigen Abgasen ausgesetzt wird. Das fanden Wissenschaftler am Helmholtz Zentrum München heraus.

Neben den Gesundheitsschädigungen ist auch der volkswirtschaftliche Schaden zu bedenken. Die Bekämpfung der Ambrosie und die Behandlung der Allergien können erhebliche Kosten verursachen. Eine Studie des Umweltbundesamtes schätzt die durch die Beifuß-Ambrosie in Deutschland entstehenden jährlichen Kosten auf etwa 20 bis 50 Millionen Euro im Jahr.

Allgemeinverständliche Informationen zu Ambrosia:


Ausgewählte wissenschaftliche Arbeiten zu Ambrosia:

  • Kanter, U. et al.: Molecular and immunological characterization of ragweed (Ambrosia artemisiifolia L.) pollen after exposure of the plants to elevated ozone over a whole growing season. - In: PLoS One 2013, 8:e61518
  • Nayak. AS et al.: Safety of ragweed sublingual allergy immunotherapy tablets in adults with allergic rhinoconjunctivitis. - In: Allergy Asthma Proc. 2012 Sep-Oct;33(5):404-10
  • Nolte, H.:Randomized controlled trial of ragweed allergy immunotherapy tablet efficacy and safety in North American adults. - In: Ann Allergy Asthma Immunol. 2013 Jun;110(6):450-456
  • Patel, P. et al.: Efficacy of a short course of specific immunotherapy in patients with allergic rhinoconjunctivitis to ragweed pollen. - In: J Allergy Clin Immunol. 2013 doi: 10.1016/j.jaci.2013.05.032.

  • Beck, I. et al.: High Environmental Ozone Levels Lead to Enhanced Allergenicity of Birch Pollen, PLOS one, Nov 20, 2013, DOI: 10.1371
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Informationen zum Inhalt

Quellen:

Letzte Aktualisierung:

06.05.2016

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