Interview mit Prof. Klaus F. Rabe: "COPD ist nicht nur eine Erkrankung der Lunge"

02. Dez 2013

COPD - das Kürzel steht für chronic obstructive pulmonary disease, was so viel heißt wie chronisch-obstruktive Lungenerkrankung. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten dieser weit verbreiteten Volkskrankheit schätzen Experten auf jährlich fast sechs Milliarden Euro. Ärzte, Biologen und Chemiker forschen weltweit zu den Grundlagen von COPD. Der Lungeninformationsdienst sprach mit Prof. Dr. Klaus F. Rabe über aktuelle Therapieansätze und den Stand der Forschung zur Behandlung von COPD. Prof. Rabe war von 2011 bis 2012 Präsident der European Respiratory Society (ERS).

Prof. Klaus F. Rabe

Prof. Dr. Klaus F. Rabe, LungenClinic Großhansdorf/Deutsches Zentrum für Lungenforschung

Schätzungen zufolge leiden fünf bis zehn Prozent aller Erwachsenen in Deutschland unter einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung oder kurz COPD. Die Zahlen sollen noch weiter ansteigen. Dabei nimmt doch die Zahl der Raucher ab, und Rauchen gilt als Hauptrisikofaktor für COPD  – wie passt das zusammen?

Prof. Rabe:
Tatsächlich leiden fünf bis zehn Prozent aller Erwachsenen in Deutschland unter einer COPD und es wird angenommen, dass diese Zahlen noch weiter ansteigen. Es stimmt zwar, dass die Zahl der Zigarettenraucher in der Bundesrepublik abnimmt. Dennoch braucht es eine sehr lange Zeit, bis die negativen Folgen des Rauchens eigentlich deutlich werden. Wir haben es also mit einer Art „Bugwelle“ zu tun. Selbst wenn sofort 50 Prozent aller Menschen in Deutschland mit dem Rauchen aufhören würden, würde es Jahre dauern, bis man die positiven Folgen davon sehen würde. Darüber hinaus gibt es Risikofaktoren außerhalb des Zigarettenrauchens, die auch zu einer COPD beitragen können, wie z. B. die berufliche Exposition, das Einatmen von Partikeln und Stäuben in verschiedensten Situationen. Man muss auch bedenken, dass Personen, die schon zu Beginn ihres Lebens eine niedrigere Lungenfunktion haben, diese wahrscheinlich auch im 15. Lebensjahr noch haben werden.


Die Behandlung von COPD sollte in einem möglichst frühen Stadium einsetzen. Bei vielen Menschen wird COPD aber erst spät erkannt. Woran liegt das, fehlt es an diagnostischen Möglichkeiten zur Früherkennung?


Prof. Rabe:
Es ist im Prinzip richtig, dass die COPD-Behandlung in einem möglichst frühen Stadium einsetzen sollte. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass die Evidenz der Wirksamkeit einer frühen Behandlung nicht 100%-ig ist. Die frühzeitige Behandlung sollte vor allen Dingen Information und Aufklärung beinhalten. Eine intensive Beratung zum Rauchverzicht, die Erhöhung der körperlichen Aktivität und diätetische Maßnahmen gehören auch dazu. Eine der wesentlichen diagnostischen Möglichkeiten zur Früherkennung ist die Messung der Lungenfunktion, die – und das ist sehr bedauerlich – bei vielen Patienten immer noch nicht passiert.


Roflumilast, Fluticason + Salmeterol - Immer wieder kommen neue Medikamente oder Kombinationen auf den Markt und machen Patienten Hoffnung auf Linderung oder sogar Heilung. Ganz ehrlich –wie groß sind die Fortschritte in der Wirkstoffentwicklung der letzten 20 Jahre wirklich gewesen?

Prof. Rabe:
Gegenfrage: Gibt es denn wirklich so viele neue Medikamente? – Eigentlich nein. Zum jetzigen Zeitpunkt werden viele Medikamente entwickelt, die als Bronchodilatatoren wirken (Medikamente die den Atemweg erweitern). Dabei handelt es sich aber lediglich um Spielarten bekannter pharmakologischer Entwicklungen, und es ist nicht zu erwarten, dass sich hier etwas prinzipiell Neues abzeichnen würde. Eine der wenigen neu entwickelten Substanzen ist das Roflumilast: Dieses hat einen Effekt auf sogenannte Exazerbationen. Zum jetzigen Zeitpunkt fehlt uns aber leider sowohl für die chronische Bronchitis, als auch das Lungenemphysem ein Medikament, das diese Erkrankung prinzipiell heilt.


Gerade in der nass-kalten Jahreszeit haben viele Patienten damit zu kämpfen – Exazerbationen.– Hinter dem sperrigen Wort verbirgt sich das Schreckgespenst eines jeden COPD-Patienten – eine akute Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes. Was sind die häufigsten Auslöser und können Patienten selbst vorbeugen?

Prof. Rabe:
Exazerbationen sind akute Ereignisse der COPD, die von den Patienten als sehr störend und auch sehr belastend empfunden werden. Die Engländer nennen eine Exazerbation lieber „Lung attack“, weil dieses Wort den Notstand der Patienten viel besser widerspiegelt. Was sind die häufigsten Auslöser? Wahrscheinlich sind es virale und bakterielle Infektionen, die eine Rolle spielen, aber es ist überhaupt keine Frage, dass die Herbstmonate eine Häufung von Exazerbationen zeigen, und zwar in den Monaten September, Oktober und November auf der nördlichen Halbkugel und umgekehrt auf der südlichen Halbkugel in deren Herbstzeiten. Dies ist sicherlich interessant.


Im fortgeschrittenen Stadium einer COPD-Erkrankung kann eine dauerhafte Sauerstofftherapie nötig und hilfreich werden. Viele Patienten schrecken davor zurück und fürchten Einschränkungen und Stigmatisierung. Was sind die Vor- und Nachteile und gibt es Alternativen?

Prof. Rabe:
In der Tat ist es so, dass viele Patienten – vor allem solche mit einem fortgeschrittenen Lungenemphysem – eine sogenannte Gasaustauschstörung haben, das heißt sie bekommen zu wenig Sauerstoff ins Blut. Bei manchen Patienten steigt bei Erschöpfung der Atempumpe auch das CO2 an.

Zur Behandlung eines Sauerstoffmangels wird eine sog. Sauerstofflangzeit-Therapie empfohlen. Studien britischer Wissenschaftler aus den 70er und 80er Jahren haben gezeigt, dass eine dauerhafte Applikation von Sauerstoff – das heißt mindestens 16 Stunden täglich – lebensverlängernd wirkt. Ob dies mit den heutigen therapeutischen und medikamentösen Maßnahmen auch noch der Fall ist, wurde dennoch nicht ganz geklärt. Allerdings ist es bei vielen Patienten so, dass die Sauerstoffgabe die Sättigung im Blut verbessert. Dies ist nicht nur gut für Lunge und Luftnot, sondern auch für Begleiterkrankungen, wie z. B. Herzerkrankungen und die manchmal eingeschränkten kognitiven Funktionen. Von daher raten wir vielen Patienten dazu. Bedingung ist ein Nichtraucherstatus; dies ist ganz, ganz wichtig! Außerdem sollten die Patienten über den Sinn und die Sinnhaftigkeit einer solchen Intervention gut aufgeklärt werden. Zusätzlich führt es zu einer gewissen psychologischen Beruhigung der Patienten, dass sie zur Not ein bisschen Sauerstoff „an Bord“ haben.


Welches sind derzeit die vielversprechendsten Ansätze in der Forschung für eine erfolgreiche Bekämpfung von COPD?

Prof. Rabe:
Wir bemühen uns, neue Medikamente zu entwickeln, um die entzündlichen Veränderungen der COPD besser behandeln zu können. Darüber hinaus gibt es Untersuchungen zum genetischen Hintergrund der Patienten: Warum entwickelt ein Patient mit einer bestimmten Rauchanamnese eine COPD und ein anderer nicht? Darüber hinaus lernen wir viel mehr darüber, dass die COPD nicht nur eine Erkrankung der Lunge ist, sondern vielmehr eine systemische Erkrankung, bei der z. B. auch das Herz, die Skelettmuskulatur, der Knochenbau, aber auch Dinge wie z. B. die Stimmungslage eine wesentliche Rolle spielen. Somit sollte die Behandlung der Patienten mit COPD nicht nur auf die Lunge zielen, sondern die verschiedenen Aspekte dieser häufigen chronischen Erkrankung berücksichtigen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Klaus F. Rabe ist Ärztlicher Direktor der LungenClinic Großhansdorf und Standortdirektor im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL).
Das Interview führte Ulrike Koller, Helmholtz Zentrum München, Lungeninformationsdienst.

 

 


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