Ansturm von Botenstoffen gefährdet Grippepatienten

18. Nov 2011

Eine Überreaktion des Immunsystems ist dafür verantwortlich, dass Grippe in manchen Fällen einen lebensgefährlichen Verlauf nimmt.

Grippevirus

Quelle: Wikimedia

Bei einem Teil der Patienten, die an Grippe erkranken, reicht die klassische Therapie mit antiviralen Medikamenten offenbar nicht aus. Wissenschaftler des Scripps Research Institute im US-amerikanischen La Jolla haben nun herausgefunden, woran dies liegen könnte: Nicht die Virusvermehrung führt zu lebensbedrohlichen Entzündungsreaktionen, sondern eine Überreaktion des Immunsystems. Dieses löst einen sogenannten „Zytokinsturm“ aus. Zytokine sind Botenstoffe, die der Körper bei einer Infektion ausschüttet, damit die Immunzellen untereinander kommunizieren und sich koordinieren können.

Die übermäßige Zytokinfreisetzung schädigt insbesondere das Lungengewebe und kann zu einem lebensbedrohlichen Grippeverlauf führen. Normalerweise verfügt der Körper für diesen Fall über Kontrollmechanismen. Doch scheinen diese bei bestimmten Influenzatypen zu versagen.

Laut den Ergebnissen der US-Wissenschaftler hängt es von Rezeptoren, den so genannten Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren (S1P1-Rezeptoren) auf der Oberfläche von Zellen der Blutgefäßwände ab, ob eine Grippe einen milden oder einen lebensbedrohlichen Verlauf nimmt. Diese S1P1-Rezeptoren dienen als Schalter für die Regulation der Zytokinfreisetzung im Lungengewebe. Werden als Reaktion auf eine Virusinfektion zu viele Zytokine freigesetzt, kann dies unkontrollierbare Entzündungsreaktionen auslösen.

Um diesen Reaktionen Einhalt zu gebieten, veränderten die Forscher im Tierexperiment den S1P1-Rezeptor mit Hilfe eines Hemmstoffes. Die S1P1-Modulation führte dazu, dass die Immunreaktion begrenzt ablief, entsprechend weniger Lungenschäden bei den Mäusen auftraten, der Verlauf der Grippe insgesamt milder war und sich die Zahl der Todesfälle verringerte. Die normale Immunreaktion des Körpers gegen das Virus wird durch die S1P1-Blockade nicht gestört.

Bislang wurde eine Grippe nur mit antiviralen Medikamenten bekämpft. Die Studie zeigt, dass dies nicht ausreicht, wenn ein Zytokinsturm auftritt. Mittlerweile werden Hemmstoffe gegen den S1P1-Rezeptor in klinischen Studien getestet. Weitere Untersuchungen sind nötig, um zu klären, wann welche Menschen besonders gefährdet sind und was genau am S1P1-Rezeptor passiert.

Quelle:
Teijaro, J.R. et al.: Endothelial Cells are Central Orchestrators of Cytokine Amplification during Influenza Virus Infection. Cell, 2011, 146 (6): 980-991

 


zum Seitenanfang
Druckversion