Lungenerkrankungen und Höhenlagen

Experteninterview mit Prof. Dr. Jürgen Behr

22. Sep 2016

Bergwandern in der Höhe, Flüge in den Urlaub - worauf Lungenpatienten in der Höhe achten müssen. Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Behr, Klinikum der Universität München, Asklepios Fachkliniken München Gauting und Helmholtz Zentrum München

Prof. Dr. Jürgen Behr

Prof. Dr. Jürgen Behr

Sehr geehrter Herr Prof. Behr, um diese Jahreszeit zieht es viele Menschen in die Berge zum Wandern oder per Flugzeug in den Urlaub. Was sollten Menschen mit Lungenerkrankungen in puncto Höhenluft beachten?

Prinzipiell ist es so, dass in der Höhe – beginnend bei circa 1500 Meter über Normalnull – der Sauerstoffpartialdruck der Luft merklich nachlässt. Die Luft wird also „dünner“. Patienten mit einer eingeschränkten Lungenfunktion bzw. einer Sauerstofftherapie sollten bedenken, dass sich ihr Krankheitszustand in dieser Höhe verschlechtern kann. Je höher man kommt, desto wahrscheinlicher wird eine Beeinträchtigung.

Ist es möglich, im Vorfeld abzuklären, welche Höhen bzw. Strecken für den/die Einzelne/n vertretbar sind?

Ja, dazu sollte der Patient bei seinem Lungenfacharzt rechtzeitig einen Termin vereinbaren. Dort besteht die Möglichkeit eine Blutgasanalyse, kurz BGA, durchführen lassen. Sie gibt dem Arzt Auskunft, ob ein kritischer Wert erreicht werden kann. Anhand der Ergebnisse können Arzt und Patient dann besprechen, welche Höhen bzw. welche Flugstrecken möglich sind. Generell gilt: wer normale oder nur leicht veränderte Blutgaswerte hat, kann in der Regel mit den heutigen Passagierflugzeugen auch fliegen. Patienten die jedoch schon eine Sauerstoff-Langzeittherapie bekommen, sollten im Vorfeld immer abklären, ob und unter welchen Bedingungen die jeweilige Fluggesellschaft auch während des Fluges eine Sauerstoffversorgung bereitstellen kann.

Übrigens: Flugzeuge besitzen eine Druckkammer, sodass die Passagiere nicht dem tatsächlichen Außendruck von 10.000 Metern Höhe ausgesetzt sind. Der tatsächliche Druck in der Kabine entspricht etwa einer Höhe von 1.500 bis 1.700 Metern über dem Meer.

Gibt es aus Ihrer Sicht Höhen oder Situationen, die für Patienten mit Lungenerkrankungen überhaupt nicht geeignet sind bzw. von denen sie abraten würden?

Neben der individuellen Situation beim Fliegen oder in den Bergen, ist für Lungenpatienten vor allem das Flaschentauchen im Urlaub nicht ohne Risiko. Auch das Schnorcheln sollte im Einzelfall vorher mit dem Arzt diskutiert werden. Hier spielen vor allem die angestrebten Tiefen eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung.

Ebenso kritisch ist die Zeit nach Eingriffen an der Lunge. In der Regel sollte ein Jahr lang nach dem Eingriff eine Belastung, wie sie beim Tauchen oder Fliegen auftritt, vermieden werden. Hier besteht die Gefahr eines Pneumothorax. Auch Patientinnen und Patienten, die bereits im letzten halben Jahr einen Pneumothorax hatten, sollten sehr vorsichtig sein, da durch schnelle Druckunterschiede, wie etwa bei Auf- und Abstieg eines Flugzeugs (oder einer Gondelbahn), ernste Situationen entstehen können. Ganz generell sollte die Krankheit stabil und die Patientin oder der Patient medikamentös gut eingestellt sein.

Kann es Notfälle geben, bei denen Patienten im Flugzeug plötzlich Sauerstoff benötigen?

Das kann durchaus vorkommen, dabei ist wichtig: sich auf die Notfallsauerstoffversorgung, die aus den Decken des Flugzeugs fällt, zu verlassen, ist für Lungenpatienten in keinem Fall ausreichend! Da liegt oft ein großes Missverständnis vor. Zudem fallen diese nur dann heraus, wenn in der Kabine ein Druckabfall stattfindet. Sie sind nicht individuell herausnehmbar. Hier müssen also im Zweifelsfall Vorkehrungen mit der Fluggesellschaft getroffen werden.

Aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ kennt man ja beispielsweise auch Lungenkliniken in großer Höhe. Das Buch spielt etwa in Davos, also auf circa 1600 Metern Höhe. Gibt es in der Höhe also auch Vorteile für Menschen mit Lungenerkrankung?

Nun, zunächst war die Überlegung der damaligen Tuberkulosekliniken, wie im Zauberberg beschrieben, den Patienten Ruhe zu gönnen. Zudem versprach man sich eine positive Wirkung durch die Sonneneinstrahlung. Die Idee war, durch Ruhigstellung der Lunge den Heilungsprozess zu befördern. Die Höhe hat in diesem Zusammenhang vermutlich weniger eine Rolle gespielt.

Allerdings kann man festhalten, dass die Höhenluft verhältnismäßig sauber ist, also weniger Feinstaub, Pollen und andere Partikel enthält. Das können Sie beispielsweise schön sehen, wenn Sie in die Berge gehen und ins Flachland hinausschauen, wo die Luft durch die Emissionen von Mensch und Natur deutlich trüber ist. Daher kann sich die Höhenluft beispielsweise für Asthmatiker durchaus wohltuend auswirken.

Herzlichen Dank für das Gespräch!   

 

Prof. Dr. med. Jürgen Behr ist Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik V am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Darüber hinaus ist er Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Asklepios Fachkliniken München Gauting und Leiter der Forschungsambulanz des Comprehensive Pneumology Center Munich des Helmholtz Zentrums München, Mitglied des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) und Vorstandsmitglied der Stiftung Atemweg. Sein Spezialgebiet ist die idiopathische Lungenfibrose, eine schwere chronische Lungenerkrankung. Ziel seiner Forschung ist es, neue Therapieansätze für die Krankheit zu entwickeln.

 

Weitere Informationen:

Auch der Verein COPD-Deutschland e.V. hat zu diesem Thema eine umfassende und kostenlose Broschüre herausgegeben. Sie finden sie als PDF unter folgendem Link: www.copd-deutschland.de/images/patientenratgeber/crossmed/reisen.pdf.

Stiftung Atemweg (www.stiftung-atemweg.de)

 

 


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