Lungenerkrankungen im fortgeschrittenen Stadium – Das Experteninterview mit Prof. Axel Haverich

16. Jan 2014

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) werden Patienten mit schweren Lungenschäden mit der sogenannten extrakorporalen Membranoxygenierung, kurz ECMO, in wachem Zustand behandelt. Darüber und über neue Entwicklungen bei Lungentransplantationen sprach der Lungeninformationsdienst mit Professor Axel Haverich, dem Leiter der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie hält weltweit eines der größten Zentren für Lungentransplantationen und das größte in Europa.

Prof. Axel Haverich / © Medizinische Hochschule Hannover

Die Sauerstoffanreicherung des Bluts über die Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), eine Art Herz-Lungen-Maschine, kann schwerkranken Lungenpatienten die Wartezeit auf eine Transplantation erleichtern. Welche Vorteile bietet die Wach-ECMO gegenüber der konventionellen Beatmung und wie schlägt sich das im Behandlungserfolg nieder?

Wenn ein Patient tatsächlich für eine Lungentransplantation in Frage kommt, kann er mit der Wach-ECMO besser bis zur Transplantation behandelt werden als mit einer klassischen Beatmung. Bei der konventionellen Beatmung auf der Intensivstation kommt es sehr häufig zu Infektionen des Atemtrakts, insbesondere zu Lungenentzündungen (Pneumonien). Damit würde der Patient als Kandidat für die Transplantation ausscheiden, bis die Pneumonie wieder ausgeheilt ist. Bei dem neuen Verfahren der Wach-ECMO bleibt der Patient jedoch bei Bewusstsein, er kann sprechen, essen, trinken und seine Muskeln trainieren. Wir haben mittlerweile bei vielen Patienten die Erfahrung gemacht, dass wir mit der Wach-ECMO bis zu zwei Monate Wartezeit zur Transplantation überbrücken können, ohne dass es zu diesen Komplikationen kommt.

Welche Risiken birgt diese Methode?

Die Probleme der ECMO-Behandlung kommen in aller Regel daher, dass wir große Gefäße mit Kanülen bestücken müssen, die meistens über die Leiste oder den Hals eingeführt werden. Dies kann zu Infektionen führen. Ein weiteres Risiko birgt die medikamentöse Blutverdünnung (Antikoagulation), um zu gewährleisten, dass das Blut störungsfrei durch die Maschine läuft. Es kann so zu Blutungen kommen, was aber nicht sehr häufig auftritt und in der bisherigen Erfahrung wenig Probleme bereitet hat.

Eine häufige Komplikation nach einer Transplantation ist das Bronchiolitis-obliterans-Syndrom. Lässt sich diese chronische Abstoßungsreaktion nicht aufhalten, wird häufig eine erneute Transplantation erforderlich. Wie schätzen Sie die Chancen einer erneuten Transplantation ein?

Wenn man bei einem Patient hinsichtlich seines körperlichen Zustands und seiner Motivation von der gleichen Ausgangssituation sprechen kann wie bei seiner ersten Transplantation, ist das Risiko einer weiteren Transplantation nicht maßgeblich höher. Liegt die Transplantation allerdings schon zehn oder 15 Jahre zurück, kann der Patient durch die langjährige Einnahme von Medikamenten gegen Abstoßungsreaktionen Schäden an den Nieren oder der Leber erlitten haben. Der Zustand des Patienten kann also vor der zweiten Transplantation etwas schlechter sein  ̶  das Risiko ist de facto etwa um die Hälfte höher als beim ersten Eingriff.

In Deutschland wächst der Bedarf an Spenderorganen bei gleichzeitig abnehmender Spendenbereitschaft nicht zuletzt infolge des Transplantationsskandals. Ihnen ist es bereits gelungen, Herzklappen aus künstlich gezüchtetem Gewebe herzustellen. Könnte es diese Alternative in naher oder ferner Zukunft auch für die Lunge geben?

Die gute Mitteilung zum Thema Transplantation vorab ist, dass wir 2013 deutlich mehr Lungentransplantationen im Gegensatz zu allen anderen Organtransplantationen durchführen konnten. 2013 wurden in Deutschland 287 Lungen transplantiert. Das sind nochmal 16 mehr als 2012, obwohl die Anzahl der Organspender so stark nach unten gegangen ist.

Theoretisch könnte es funktionieren, eine Lunge aus künstlichem Gewebe herzustellen. Tatsächlich ist die Lunge aber so viel komplexer aufgebaut und hat auch von der Funktionalität so besondere Aufgaben im Vergleich zu einer Herzklappe, dass das sicherlich noch viele Jahre oder Jahrzehnte dauern wird.

Sie haben in den Jahren 2010/2011 an einer Studie zur Vergabekriterien bei Lungentransplantationen (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1053249813013272) mitgearbeitet. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

Bisher existierte ein Vergabesystem, das die Organe vor allem nach der Dringlichkeit zugeteilt hat. Leider ist es aber so, dass gerade die dringlichsten Patienten oft in einen lebensbedrohlichen Zustand geraten und auf der Intensivstation behandelt und beatmet werden müssen. Diese Patienten haben nicht die günstigste Prognose. Vornehmlich hatten wir also - und das ist bei der Herz- und Lebertransplantation auch heute noch so - diejenigen Patienten mit einem Organ versorgt, die keine guten Aussichten hatten. Dagegen wurden die Patienten mit einer relativ guten Prognose, die noch nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten, dann gar nicht mehr berücksichtigt. 2012 haben wir dieses Vergabesystem verändert und neben die Dringlichkeit einer Transplantation, so wie es das Gesetz fordert, die Erfolgsaussichten gestellt. Mit diesem neuen Vergabesystem, dem Lung Allocation Score, haben wir in Deutschland schon sehr gute Erfahrungen gemacht. Wesentliches Kriterium ist der zu erwartende Vorteil an Lebenserwartung, sodass nun auch Patienten mit einem geringeren Risiko genauso gut mit Organen versorgt werden. Das Gesamtergebnis lässt sich wirklich sehen.

Welche weiteren Forschungsansätze verfolgen Sie an Ihrem Zentrum zur Behandlung von Lungenerkrankungen im fortgeschrittenen Stadium?

Wir haben im Tierexperiment damit begonnen, Schweinen die Lunge zu entnehmen und sie außerhalb des Körpers hinsichtlich Lungeninfektionen oder Lungentumoren zu behandeln. Außerdem untersuchen wir die mögliche Regeneration des Lungengewebes über zelltherapeutische Ansätze. Anschließend wird die Lunge wieder in die Tiere eingepflanzt. Das sind noch sehr experimentelle Untersuchungen. Theoretisch ist diese Methode aber irgendwann einmal auch für den Patienten geeignet, wenn die Lunge so erkrankt ist, dass man sie mit Medikamenten und Bestrahlung im Körper selbst nicht mehr heilen kann. Während der Behandlung außerhalb des Körpers könnte der Patient mittels Wach-ECMO versorgt und die Lunge anschließend therapiert wieder in den Patienten hineintransplantiert werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Haverich.


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