Interview mit Prof. Dr. Jürgen Behr - Neuer Leuchtturm für die Lungenforschung

18. Mär 2013

Der Lungeninformationsdienst sprach mit dem Inhaber des neuen Lehrstuhls für Pneumologie in München, Prof. Dr. Jürgen Behr.

Prof. Dr. Jürgen Behr (LMU)

Herr Prof. Behr, am 25. März haben Sie in München Ihre Antrittsvorlesung am ersten Lehrstuhl für Pneumologie in Bayern gehalten. Wo hatte sich die Lungenmedizin in Bayern bisher versteckt gehalten?

Sie war an den verschiedenen bayerischen Universitäten mit medizinischer Fakultät innerhalb der Kardiologie (Regensburg, München und Würzburg) bzw. der Gastroenterologie (Erlangen) untergebracht. Dort war sie  nur auf Oberarztebene vertreten, während eine Vertretung innerhalb der Fakultätsgremien fehlte. So etwa, wenn der Leiter der Pneumologie als außerplanmäßiger Professor an der Universität beschäftigt war: Dann hatte er keine Stimme und keinen direkten Zugang zur Fakultät und zum Fakultätsrat. Das ist der Grund, warum die Pneumologie in Bayern, aber eigentlich auch bundesweit, universitär nicht ausreichend vertreten war und immer noch nicht ist.

Warum hat sich daran nun etwas geändert?

Es gibt nun erstmals eine W3-Professur, also einen  Lehrstuhls mit voller Stimmberechtigung und damit Zugang zur Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, also einer der großen Fakultäten in Deutschland. Dementsprechend ist dies ein gewichtiger Schritt. Aber die Entscheidung hatte natürlich eine lange Vorgeschichte. Es gab immer wieder Briefe seitens der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin an die Universitäten in Deutschland, dass eigenständige, universitäre Pneumologien geschaffen werden sollen. Letztendlich war die Situation in München jetzt günstig, weil die auf Oberarztposition vertretene Pneumologie sehr gut gearbeitet hat und hier umfassende  pneumologische Expertise vorliegt. So hat es sich geradezu angeboten, die Pneumologie als eigenständige Disziplin in die  universitäre Gruppe der internistischen Fächer aufzunehmen.

Das ist ja erst die Hälfte der Erfolgsgeschichte. Zeitgleich haben Sie die Chefarztposition der Asklepios Fachkliniken in Gauting sowie die Leitung der klinischen Pneumologie am translationalen Forschungszentrum CPC von Helmholtz Zentrum München und den Partnern  übernommen. Welche Chance bietet diese Personalunion für die Pneumologie in München?

Am Helmholtz Zentrum München, der Universität und dem Universitätsklinikum haben wir die wissenschaftliche Exzellenz und die Asklepios Fachkliniken verfügen über eine große Zahl an pneumologischen Patienten und die dazugehörige Exzellenz in der Versorgung. In die Fachkliniken in Gauting kommen jedes Jahr über 10.000 Patienten, während in Universitätskliniken meist nur Schwerstkranke bzw. besondere Erkrankungsformen eingewiesen werden. Das Zusammenführen von Patienten einerseits und wissenschaftlicher Expertise und Motivation andererseits bietet enorme wissenschaftliche Vorteile: Nur mit Hilfe großer Patientengruppen können wir künftig detailliertere Untersuchungen vornehmen und anhand von Genexpressionsmustern und Biomarkern  therapierelevante Unterformen innerhalb  heterogener Krankheitsbilder erkennen. Durch diese sogenannte Phänotypisierung wollen wir genau zuordnen, welcher Untergruppe ihrer Erkrankung die Patienten angehören, letztlich mit der Aussicht, dann eine gezielte und damit überlegene Therapie durchführen zu können. Das ist eine ganz wesentliche Aufgabe der Zukunft und darin sehe ich auch die wichtigste Aufgabe der Position, die ich nun übernommen habe.

Ihr eigenes Spezialgebiet ist die idiopathische Lungenfibrose, ein seltenes, schweres Krankheitsbild. Wo steht die Forschung dazu?

Bei der Lungenfibrose stehen wir noch ziemlich am Anfang. Wir wollen besser verstehen, wie diese Krankheit überhaupt entsteht. So scheint neben anderen Mechanismen auch eine vorzeitige Alterung von Lungenzellen eine wichtige Rolle zu spielen. Man muss dazu wissen, dass nicht nur besonders alte Menschen  betroffen sind, sondern häufig Patienten schon im Alter von etwa  50 Jahren erkranken. Der Verlauf  dieser Erkrankung ist besonders ungünstig, das heißt die Hälfte aller Patienten verstirbt innerhalb von drei bis fünf Jahren. Das ist eine viel ungünstigere Prognose als bei vielen Krebsarten. Und die Erkrankungsraten werden – nicht zuletzt aufgrund der älter werdenden Gesellschaft – noch weiter zunehmen. Daher müssen wir für diese Patienten sowohl diagnostisch als auch in der Therapie eine Antwort finden. In der Diagnostik haben wir schon große Fortschritte gemacht: Viele Patienten können wir mit einer hochauflösenden Computertomographie und entsprechenden klinischen Untersuchungen heute sehr gut diagnostizieren. Aber die Therapie steckt immer noch in den Anfängen.

2011 wurde ein erstes Medikament gegen die leichte bis mittelschwere Form der Lungenfibrose zugelassen. Welchen Nutzen haben die Patienten nach Ihrer bisherigen Erfahrung davon?

Mit Pirfenidon haben wir erstmals ein Medikament zur Verfügung, welches das progressionsfreie Überleben der Patienten günstig beeinflusst. Es kann die Erkrankung also aufhalten, wenn auch nicht heilen. Von der Prognose her muss man die Lungenfibrose durchaus mit Krebserkrankungen vergleichen. Bei der Krebserkrankung  ist ja auch das progressionsfreie Überleben ein wichtiger Marker für die Entwicklung von Medikamenten gewesen und das haben wir dann eben auch auf die Lungenfibrose übertragen.

Das Institut für Qualität im Gesundheitswesen (IQWIG) kam aber zu einer anderen Einschätzung?

Das IQWIG-Gutachten wurde ja teilweise wieder zurückgenommen, da es auf verschiedenen Annahmen beruhte, die in der Anwendung auf die Lungenfibrose so nicht zutreffend waren. So wurde zum Beispiel als Standard-Vergleichstherapie eine Behandlung mit Cortison und bestimmten Zytostatika angenommen. Diese hat  man zwar früher eingesetzt, seit letztem Jahr wissen wir jedoch, dass sie möglicherweise sogar das Überleben der Patienten verkürzt. Entsprechend setzen wir diese Therapie bei der idiopathischen Lungenfibrose gar nicht mehr ein. So trafen zu dem Zeitpunkt, als das Gutachten herauskam, einige Grundannahmen eigentlich nicht mehr zu. Ich denke, nach heutiger Datenlage und der Einschätzung der Vergleichstherapien kann man sagen, dass Pirfenidon einen, wenn auch noch nicht eindeutig quantifizierbaren, Zusatznutzen für die Patienten hat.

Zum  translationalen Forschungszentrum CPC des Helmholtz Zentrums und seinen Partnern gehört auch eine Forschungsambulanz. Welche Vorteile bietet sie Patienten?

Wir wollen, in dieser Ambulanz Patienten umfassend untersuchen, charakterisieren und sie innerhalb von Studien bestimmten Untergruppen von Erkrankungen zuordnen, so wie ich das eingangs schon angedeutet hatte. Den Patienten werden dafür Biomaterialien wie  Blut, Lungenzellen oder Sputum entnommen, anhand derer wir zusammen mit den Kollegen aus der Experimentellen  Pneumologie ihre Erkrankung besser charakterisieren. Das lässt sich in den Proben zum Beispiel an der Genexpression oder an darin enthaltenen Zytokinen (= Botenstoffe der Zellen) feststellen. So erhalten die Patienten mit einer bestimmten Diagnose nicht gleich eine Standardtherapie, sondern können nach genauerer Analyse eine gezielte, sprich individualisierte Therapie bekommen. Ziel ist es also, neue Therapieansätze zu entwickeln – das ist die große Chance und eine Herausforderung der ich mich gerne stelle.

Wann wird diese Forschungsambulanz eröffnet werden?

Es sind nur noch einige Formalitäten zwischen der Universität und dem Helmholtz Zentrum München abzustimmen. Dann wird die Forschungsambulanz in Betrieb gehen, voraussichtlich noch im ersten Halbjahr 2013.

Können in der Ambulanz nur Patienten mit Lungenfibrose untersucht werden, oder auch welche mit anderen pneumologischen Krankheitsbildern?

Selbstverständlich auch andere. Wir wollen zwar hier in München aufgrund der besonderen Expertise insbesondere die Forschung im Bereich Lungenfibrose vorantreiben, auch weil hier ein besonders hoher medizinischer Bedarf besteht. München soll sozusagen das deutsche Zentrum der Lungenfibroseforschung  werden. Aber wir können natürlich auch die anderen Krankheitsbilder, insbesondere chronisch-obstruktive Krankheitsbilder und Lungenkrebs, Mukoviszidose sowie Lungengefäßerkrankungen wie Lungenhochdruck behandeln.

All diese Krankheitsbilder werden wir in der Ambulanz genauer analysieren mit den Methoden der experimentellen Pneumologie und die Ergebnisse wieder in die Klinik zurückbringen. Das ist das Prinzip der translationalen Medizin mit dem Ziel, neue Therapien abzuleiten.

Wohin muss ich mich als Patientin oder Patient wenden, wenn ich mich an einer Ihrer Studien beteiligen möchte?

Patienten können sich ans Klinikum in Großhadern, ans Innenstadtklinikum oder auch an die Asklepios Fachkliniken in Gauting wenden. Ich bin ja an allen drei Orten für diese Studien zuständig und habe meine Mitarbeiter auch schon angeleitet, die Patienten über mögliche Studien aufzuklären. Soweit die erste Diagnose abgeschlossen ist, können die weiteren Untersuchungen und Verlaufskontrollen dann im Rahmen der Studienprotokolle in der Forschungsambulanz stattfinden. Der Weg ist immer der, dass Patienten erst einmal konventionell klinisch untersucht  werden, um festzustellen welches Krankheitsbild sie haben, in welche Gruppe sie gehören, und wie wir sie weiter behandeln können. Das geschieht dann im Zuge der Studien in der Forschungsambulanz.


Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch mit Prof. Jürgen Behr führte Ulrike Koller, Lungeninformationsdienst.


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